Mehr als ein Zimmermann

Fragst du Menschen, die sich ein wenig im Neuen Testament auskennen, welchen Beruf Jesus von Nazareth ausübte, bevor er mit seinem öffentlichen Predigt- und Heilungsdienst begann,  lautet die Antwort fast immer „Zimmermann“. So steht es auch in den meisten deutschen Bibelübersetzungen. Über Jesus selbst finden wir dieses  Wort in Markus 6,3. Als Zimmermann wird auch Jesu Ziehvater Josef in Matthäus 13,55 bezeichnet. Diese Übersetzungen sind jedoch sehr eng gefasst, denn das Wort im  griechischen Originaltext ist „τέκτων (tektōn)“.

Ein tektōn war im antiken Griechenland ein Handwerker oder Baumeister. Er arbeitete nicht nur mit Holz, sondern oft auch mit Stein oder Metall. Das Griechisch-Deutsche Schulwörterbuch von Prof. Dr. H. Menge nennt als mögliche Übersetzungen u.a. Handwerker, Zimmermann, Tischler, Wagenbauer, Schiffsbauer, Baumeister, Steinhauer, Maurer und Schmied. Da zudem Holz im damaligen Israel, insbesondere in der rauen Landschaft Galiläas, sehr knapp war und wohl eher für kleine Gegenstände der Wohlhabenden vorbehalten, ist anzunehmen, dass Jesus und sein Ziehvater vielmehr Allround-Bauhandwerker waren, die auch schwere Basalt- oder Kalksteinblöcke behauten und anpassten, um damit Häuser und Synagogen in der Region zu errichten oder zu reparieren.

Wenn wir uns das bewusst machen, dass Jesus auch als Steinmetz gearbeitet hat, gewinnen Seine Lehren plötzlich eine ganz neue persönliche Tiefe. Er hat nicht einfach irgendwelche Metaphern verwendet, wenn Er über „den Stein sprach, den die Bauleute verworfen haben, der zum Eckstein geworden ist“ (Mt 21,42) oder von „dem Haus auf Felsen und dem Haus auf Sand gebaut“ (Mt 7,21-27; Lk 6,46-49), sondern sie resultieren aus den Erfahrungen eines langen, mühevollen Arbeitslebens. Er meißelte Steine mit Seinen Händen, bevor Er Seine Botschaft in die Herzen der Menschen meißelte!

Und das tut Er bis heute! In Hesekiel 11,19-20 verheißt uns GOTTES Wort: „Ich will das steinerne Herz wegnehmen aus ihrem Leibe und ihnen ein fleischernes Herz geben, damit sie in meinen Geboten wandeln und meine Ordnungen halten und danach tun.“ Ja tatsächlich, Er ist weit mehr als ein Zimmermann.

Ich denke hier auch an ein Erlebnis, das Dagmar und ich vor ein paar Jahren auf einer Fahrradtour durch die Niederlande gemacht haben. Es war schon spät, wir waren müde und vor uns lagen, weil wir uns ein paar  Mal verfahren hatten, noch etliche Kilometer. Und dann fiel während einer kurzen Pause auch noch Dagmars Rad samt Gepäck so unglücklich um, dass der Lenker über-drehte und Bremsen und Gangschaltung sich dermaßen miteinander verhedderten, dass eine Weiterfahrt nicht mehr möglich war. Weit entfernt von der nächsten Ortschaft war unsere einzige Hoffnung auf Hilfe eine kleine Boots-Reparatur-Werft auf Sichtweite. Wir schilderten dem jungen Mann, der dort an einer Yacht arbeitete, unser Malheur, worauf er grinsend antwortete: „Ik kan alles!“ Und ganz fix war Dagmars Rad wieder wunderbar in Stand gesetzt.

Ebenso  dürfen wir mit Paulus in guter Zuversicht sein,  dass der, der ein gutes Werk in uns angefangen hat, es auch vollenden wird auf den Tag Jesu Christi (Phil 1,6). Denn der gekreuzigte und auferstandene und verherrlichte SOHN GOTTES ist auch unser Retter, Zurechtbringer und Erlöser!                                                     

Joe